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Aufmerksamkeit als Ware: warum wir abgelenkt werden

So ist es meistens: man möchte sich kurz auf Facebook einloggen, um ein Event zu checken und am Ende hat man noch fünf andere Sachen nachgeschaut und drei Videos geguckt.

Du öffnest Instagram, um „vor dem Schlafengehen ein paar Reisevideos zu gucken“, und schon ist es vorbei mit deinem Plan, dir acht Stunden erholsamen Schlaf zu gönnen. „Sechs Stunden reichen auch“, sagst du dir achselzuckend.

Auch wenn du noch nie etwas von dem Konzept der Aufmerksamkeitsökonomie gehört hast, bist du ganz sicher ein Teil davon: Apps und Internetplattformen buhlen ständig um deine Zeit und setzen unterschiedliche – mitunter manipulative – Methoden ein, um ihr Ziel zu erreichen. Jeder kennt es: Scrolle hier noch etwas weiter runter, wische hier nach links für mehr Fotos oder klicke auf das rote Kästchen, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt.

Technologie kann zweifellos Menschen vernetzen und verbinden, aber steckt nicht vielleicht doch mehr hinter dem Design dieser Plattformen und Apps? Manche beantworten das mit einem klaren „Ja“.

Facebook? Es ist kompliziert

Der Social Media Gigant Facebook hat in letzter Zeit reichlich Gesprächsstoff geliefert. Verliert Facebook an Attraktivität aufgrund der zahllosen Debatten zu rechtlichen, politischen und ethischen Fragen? Bezogen auf die Zahl neuer Nutzer insgesamt vermutlich nicht, da Länder, die jetzt erst Zugang zu schnellem Internet bekommen, viele neue Facebook-User hervorbringen. Aber angesichts der Skandale über die Vorgehensweise des Unternehmens in vielen Bereichen, ist Facebook zunehmend in die Kritik geraten und Kampagnen wie #deleteFacebook haben großen Zulauf.

Während manche meinen, dass die Löschung des Facebook Accounts ein weitgehend sinnloses politisches Statement sei, überdenken doch viele Menschen die Nutzung der Sozialen Medien insgesamt und suchen nach weniger invasiven und ablenkenden Möglichkeiten, mit Familie und Freunden Kontakt zu halten. Auch wenn nicht alle als Alternativen zu Facebook gedacht sind, gibt es zahlreiche Plattformen, die dazu dienen sollen, die Sozialkontakte der User untereinander zu erleichtern. Viele heben sich von Facebook ab in puncto Werbung, Privatsphäre und der Zusicherung, User-Daten nicht (für Geld) mit Dritten zu teilen. Hierbei handelt es sich um Messenger-Dienste, Videokonferenzplattformen, Kalender und andere Arten von Apps, die nicht dahingehend konzipiert sind, zusätzliche Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Stattdessen wollen sie die User tatsächlich darin unterstützen, Aufgaben zu strukturieren und effizient zu erledigen.

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Tue Dinge nicht besser, sondern tue bessere Dinge

Was macht den ethischen Charakter einer Plattform oder App aus? Tristan Harris, ehemaliger Designethiker bei Google und einer der Begründer der Time Well Spent-Bewegung, wirft Fragen auf zur Aufmerksamkeitsökonomie und den Menschen, die jene Apps entwickeln, die wir tagtäglich nutzen. Harris erinnert uns daran, dass die Entwickler mancher Social-Media-Apps von vornherein darauf aus sind, uns gezielt zu bestimmten Bildern, Videos oder Vorschlägen zu leiten (und mit diesen abzulenken), damit wir möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringen.

„Facebook behauptet, nicht vorgeben zu wollen, was wahr ist und was nicht, dabei beeinflusst es die Wahrnehmung der User schon allein dadurch, dass es steuert, was diese überhaupt angezeigt bekommen. Damit schafft Facebook ein gänzlich ungeeignetes geistiges Umfeld“, so Harris. Die Konsequenzen solcher von den Entwicklern gesteuerten Plattformen sind Harris zufolge ziemlich beunruhigend: „Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns auf Dinge zu konzentrieren, die uns wichtig sind, können wir unsere Ziele nicht erreichen. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns auf wichtige Angelegenheiten zu fokussieren, die in unserem direkten Umfeld passieren, in unseren Dörfern, Städten, Gemeinden oder Staaten, untergräbt das die Demokratie. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns so lange mit komplexen Zusammenhängen zu befassen, bis wir diese auch begriffen haben, werden auch Gespräche zu diesen komplexen Themen nirgendwo hinführen.“

Vor diesem Hintergrund setzt sich Harris dafür ein, dass wir „nicht nur Dinge besser tun, sondern bessere Dinge tun“. Er fragt: Was wäre, wenn Apps dahingehend entwickelt würden, uns dabei zu helfen, uns auf die wirklich wichtigen Dinge zu fokussieren, anstatt uns ständig mit Trivialitäten abzulenken?“

Und was jetzt? Runterscrollen und mehr erfahren

Auch wenn Technologieunternehmen vielleicht gar keine bösen Absichten verfolgen, lässt sich gar nicht vermeiden, dass sie in ihrem Konkurrenzkampf innerhalb der stetig wachsenden Aufmerksamkeitsökonomie unser Leben beeinflussen. Und während Menschen wie Tristan Harris sich dafür einsetzen, die App Landschaft neu zu erfinden, wie er es selber nennt, sollte man die Macht der User nicht unterschätzen. Sie sind durchaus in der Lage, die Technologieunternehmen unter Druck zu setzen, indem sie nachdrücklich mehr Transparenz, mehr Verantwortungsbewusstsein und last but not least mehr Kontrolle über ihre Apps fordern. Und das sollte am Ende allen zugute kommen.

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